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„Bildung to Go“: Wie chancengerecht ist digitale Schule?

1. Oktober 2021
NEOS TEAM
NEOS-Bildungssprecherin Martina Künsberg Sarre und NMS-Pädagogin Maria Lodjn

INTERVIEW MIT MARIA LODJN 

In unserer Videoreihe „Bildung to Go“ diskutiert NEOS-Bildungssprecherin Martina Künsberg Sarre gemeinsam mit Expert_innen und Pädagog_innen kontroverse Fragen rund um das Thema digitale Bildung. Zusammen mit Mittelschul-Pädagogin Maria Lodjn geht sie in dieser Ausgabe der Frage nach, wie sich die Digitalisierung auf den Unterricht mit Kindern aus unterschiedlichen Bildungsschichten auswirkt. 

Zur Person

Maria Lodjn unterrichtet seit vielen Jahren an Wiener Mittelschulen und setzt sich für mehr Demokratisierung im Klassenzimmer ein. Wenn sie nicht gerade im Klassenzimmer steht, ist sie als Bloggerin, freie Autorin und Redakteurin bei schulgschichtn.com aktiv. Weil Lernen nicht nur in der Schule stattfindet, leitet sie als Trainerin nebenbei auch noch kostenlose Freizeitkurse bei der Vienna Hobby Lobby.

Interview

Martina Künsberg Sarre: Inwiefern kann die Digitalisierung zu mehr Chancengerechtigkeit führen? In der Corona-Krise hat man gesehen, dass es bei der Ausstattung mit digitaler Infrastruktur und bei den Anwendungskenntnissen eklatante Unterschiede gibt. Was ist hier die Rolle der Schule, was die Aufgabe der Politik?

Maria Lodjn: Wir müssen die Digitalisierung für Schüler_innen UND Eltern denken. Bei unserer Kindern haben viele Eltern kaum digitale Kompetenzen und arbeiten in Berufen, wo sie die auch nicht brauchen. Die Schüler_innen haben durchschnittlich mehr digitale Kompetenzen – auch, weil sie sich in den Lockdowns viele Skills selbst angeeignet haben. Ganz wichtig wären daher Elternschulen, in denen man den Eltern Grundkompetenzen mitgibt, damit sie ihre Kinder unterstützen können. Es geht nicht darum, die Eltern in die Pflicht zu nehmen – sondern darum, sie ins Boot zu holen.

Martina Künsberg Sarre: In welchem Rahmen könnten diese Elternkurse stattfinden?

Maria Lodjn: Das sollte am Nachmittag oder am Abend direkt in der Schule stattfinden. Viele unserer Schüler_innen stammen aus großen „Communities“, in denen viel Wissen weitergegeben wird. Sobald sich da mehrere Elternteile mal auskennen, geben sie das intern weiter und unterstützen sich gegenseitig.

Martina Künsberg Sarre: Wie ist das Distance Learning bei Ihnen an der Schule gelaufen? Können Sie uns einen kurzen Einblick geben?  

Maria Lodjn: Wir sind schon an unsere Grenzen gestoßen. Ab dem zweiten Lockdown ist das Distance Learning aber einigermaßen gut gelaufen. Das lag auch daran, dass uns die Stadt Wien Leih-Laptops zur Verfügung stellte. Über Spenden konnten wir zum Glück noch viele zusätzliche Geräte organisieren. Es ist uns dadurch gelungen, fast jedes Kind entsprechend auszustatten. Sobald offensichtlich wurde, dass einzelne Schüler_innen dem Unterricht nicht mehr folgen können, haben wir sie gezielt in die Schule geholt und dort betreut. Wir haben mit ihnen gemeinsam gelernt und versucht, sie so gut wie möglich individuell zu fördern.

Das Distance Learning hat uns auch einen „ungewollt“ tiefen Einblick in die Intimsphäre unserer Schüler_innen und deren Eltern gegeben. Viele Schüler_innen wollten ihr privates Umfeld gar nicht herzeigen – weil sie eben nicht in einer hellen Fünf-Zimmer-Wohnung mit schönen Möbeln leben. Viele von ihnen haben wenig Platz, leben mit kleineren Geschwistern in beengten Verhältnissen und mussten unter widrigsten Bedingungen am Distance Learning teilnehmen. Eine Kollegin hat mir von einem Schüler erzählt, der das am Klo versucht hat – weil das der einzige ruhige Ort bei ihm zu Hause war. Eine andere Schülerin musste dem Unterricht auf ihrem Bett folgen, während ihre drei Geschwister im selben Zimmer ebenfalls im Distance Learning waren.

Martina Künsberg Sarre: Durch Smartphones und Laptops ist Wissen heute so leicht abrufbar wie nie zuvor. Sehen sie das eher als Chance oder als Herausforderung?

Maria Lodjn: Ich sehe da ganz viele Chancen, auch für die Individualisierung des Unterrichts. Dank technologischer Innovationen könnten wir endlich davon wegkommen, dass alle Schüler_innen zur gleichen Zeit dasselbe lernen müssen. Der Zugang zum Internet bedeutet für uns alle vor allem mehr Zugang zu Wissen. Lehrer_innen könnten künftig verstärkt die Rolle von Lernbegleiter_innen einnehmen. Sie müssen den Schüler_innen vermitteln, wie man recherchiert und könnten sie dann individuell bei ihrem Lernfortschritt begleiten und unterstützen. Das würde den Schüler_innen ermöglichen, innerhalb eines vorgegebenen Rahmens ihre persönlichen Interessen zu fördern. Obwohl wir dafür mehr Lehrpersonal bräuchten, wäre eine derartige Demokratisierung und Individualisierung von Unterricht wünschenswert. Es ist Zeit für eine Abkehr vom „Bulimie-Lernen“ – dem Lernen, um zu vergessen. Vieles müsste heute gar nicht mehr auswendig gelernt werden.

Martina Künsberg Sarre: Die Bildungsschere ist durch Corona noch weiter auseinandergegangen. Kann die Digitalisierung dazu beitragen, die Bildungsschere wieder zu verkleinern?

Maria Lodjn: Die Bildungsschere geht auch auseinander, weil man nie auf den sozio-ökonomischen Hintergrund der Kinder Rücksicht genommen hat. Bildungspolitik wird zu kurzsichtig gedacht. Die Bildungsschere wird immer größer, solange wir nicht die Ursachen dafür näher erforschen. Aus welchem Background kommen die Schüler_innen? Wie sorgen wir dafür, dass sie an der Bildungsgesellschaft teilnehmen können, wenn ihre Eltern das noch gar nicht tun? Wie können diese Kinder vom Bildungskuchen mitnaschen, wenn sie gar nicht wissen, wie Kuchen überhaupt schmeckt? Diese Fragen gilt es in der Bildungspolitik endlich zu berücksichtigen. Ich bin ein großer Fan der Digitalisierung und sehe da viel Potenzial. Das bloße Vorhandensein von digitaler Infrastruktur sorgt aber noch lange nicht für eine digitalisierte Schule. Das kann und darf definitiv nicht das Ende der Fahnenstange sein!

Martina Künsberg Sarre: Liebe Frau Lodjn, ich bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch und den Austausch!

Video in voller Länge

Egal, ob du Schüler_in, Lehrer_in, Elternteil oder nur an Bildung interessiert bist – wir freuen uns über deine Erfahrungsberichte, Fragen oder Rückmeldungen unter kontakt@neos.eu.   

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